«Moderne Kinder sind anders»: Die Neuropsychologin Alena Istomina in einem exklusiven Interview für Moda Topical darüber, warum man die Entwicklung nicht beschleunigen sollte.
Heute versuchen Eltern, ihren Kindern alles und sofort zu geben: frühes Lesen, Englisch ab drei Jahren, Vorbereitung auf die Schule fast schon von der Wiege an. Aber warum haben immer mehr Kinder mit Angstzuständen, Sprachproblemen und Konzentrationsschwierigkeiten zu kämpfen? Die Neuropsychologin Alena Istomina hat in einem Interview mit dem Magazin Moda Topical geteilt, wie Gadgets das kindliche Gehirn beeinflussen, warum die Spiele unserer Kindheit das beste Neurotraining waren und wie man erkennt, ob ein Kind wirklich bereit für die Schule ist.
Neuropsychologin Alena Istomina über moderne Kinder, Sprache, Neurospiele und warum man die Schule nicht überstürzen sollte
— Heute sind Eltern buchstäblich besessen von frühkindlicher Entwicklung. Englisch ab drei Jahren, Lesen ab vier, Vorbereitung auf die Schule ab fünf. Wie notwendig ist das wirklich für das Kind?
— Moderne Eltern leben in ständiger Angst: „Was, wenn mein Kind zurückfällt?“ Aber das Gehirn eines Kindes entwickelt sich schrittweise, und jede Phase hat ihre eigenen Aufgaben. Im Vorschulalter besteht die Hauptaufgabe des Gehirns nicht im Lesen oder im Einmaleins, sondern in der Entwicklung des Körpers, der Emotionen, der Sprache, der Vorstellungskraft und der Fähigkeit, mit der Welt zu interagieren. Wenn wir das Kind zu früh an akademische Fähigkeiten heranführen, übersehen wir manchmal grundlegende Dinge: Koordination, sensorische Entwicklung, emotionale Stabilität. Und ohne das treten in der Schule später Schwierigkeiten auf — von Aufmerksamkeitsproblemen bis hin zu Angstzuständen und Burnout bereits in der Grundschule.
— Dann die Hauptfrage aller Mütter: Ab wann ist es besser, in die Schule zu gehen?
— Allgemein wird empfohlen, das Kind mit sieben Jahren in die Schule zu schicken. Zu diesem Alter ist es in der Regel emotional, psychologisch und physiologisch bereit. Aber wenn das Kind zum Zeitpunkt der Einschulung beispielsweise 6 Jahre und 10 Monate alt ist und die Eltern Zweifel haben, ist es besser, einen Spezialisten zur Einschätzung der Schulreife zu konsultieren. Der Spezialist hilft zu verstehen, wie bereit das Kind wirklich für das Lernen ist. Aber ein Kind mit sechs und einem halben Jahren in die Schule zu schicken, wird in den meisten Fällen nicht empfohlen — in diesem Alter ist es oft noch nicht ausreichend auf die schulischen Anforderungen vorbereitet.
— Viele Eltern klagen, dass moderne Kinder „anders“ sind: schlechter sprechen, schneller ermüden, nicht alleine spielen können. Bemerkst du das?
— Ja, und das ist tatsächlich eine Tendenz der letzten Jahre. Das moderne Kind lebt in einer Welt ständiger Stimulation: Tablets, schnelle Cartoons, kurze Videos, eine riesige Menge visuellen Lärms. Es wird für das Gehirn schwierig, die Aufmerksamkeit auf etwas Bestimmtes zu richten.
Darüber hinaus bewegen sich Kinder weniger und spielen weniger in lebendigen Spielen. Gerade durch Bewegung und Spiel werden die wichtigsten neuronalen Verbindungen gebildet. Erinnern Sie sich an unsere Kindheit: Gummitwist, Himmel und Hölle, Völkerball, Hofspiele, Zählreime. Das waren nicht nur Freizeitbeschäftigungen — das war ein mächtiges neuropsychologisches Training.
— Bedeutet das, dass die Spiele der 90er Jahre nützlicher waren als moderne Lern-Apps?
— In vielerlei Hinsicht — ja. Denn sie entwickelten das Kind ganzheitlich. Wenn ein Kind in Himmel und Hölle springt, trainiert es Koordination, Gleichgewicht, Aufmerksamkeit, räumliches Denken. Wenn es „Das Meer ist unruhig“ spielt — lernt es Selbstkontrolle und Umschaltung. Wenn es Rollenspiele im Hof spielt — entwickelt es Sprache, emotionale Intelligenz und die Fähigkeit, Kompromisse einzugehen.
Heute versuchen viele Fähigkeiten durch Gadgets und Apps zu ersetzen. Aber der Bildschirm kann dem Gehirn keine vollständige sensorische Erfahrung bieten. Man kann den Körper nicht durch ein Tablet entwickeln. Und der Körper ist direkt mit der Entwicklung des Gehirns verbunden.
— Neurospiele sind derzeit sehr beliebt. Was sind sie und funktionieren sie wirklich?
— Neurospiele sind Übungen, die helfen, die interhemisphärischen Verbindungen, Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Sprache, Koordination und Selbstregulation zu entwickeln. Und die gute Nachricht ist, dass viele von ihnen zu Hause ganz einfach zwischendurch gemacht werden können.
Zum Beispiel Spiele mit gekreuzten Bewegungen: Mit der rechten Hand das linke Knie berühren, gleichzeitig verschiedene Bewegungen mit den Händen ausführen, rhythmische Übungen, Ballspiele. Fingerübungen sind besonders für Kleinkinder sehr nützlich, da die Entwicklung der Feinmotorik direkt mit der Sprache verbunden ist.
Aber es ist wichtig zu verstehen: Neurospiele sind keine Wunderpille. Sie funktionieren nur im System und nur dann, wenn das Kind ein erfülltes Leben führt — schläft, sich bewegt, spielt und kommuniziert.
— Sie haben die Sprache erwähnt. Viele Mütter machen sich Sorgen, dass Kinder später zu sprechen beginnen. Ist das wirklich häufiger geworden?
— Ja, und das ist eines der drängendsten Themen heute. Die Anzahl der Sprachverzögerungen steigt. Es gibt viele Gründe: abnehmende persönliche Kommunikation, Übermaß an Bildschirmzeit, hohes Angstniveau bei den Eltern, Bewegungsmangel.
Sprache entwickelt sich nicht „von selbst“. Das Kind braucht einen Dialog dafür. Nicht den Fernseher im Hintergrund, sondern lebendige Kommunikation: wenn die Mutter in die Augen schaut, antwortet, diskutiert, Bücher liest, Lieder singt.
Manchmal sagen Eltern: „Er versteht alles, spricht aber einfach nicht.“ Aber wenn es bis zwei und halb bis drei Jahren fast keine Sprache gibt, ist es besser, nicht zu warten und die Ratschläge „wächst darüber hinaus“ nicht zu hören. Je früher Hilfe beginnt, desto leichter kann das Gehirn Schwierigkeiten kompensieren.
— Ist es wahr, dass Gadgets direkt die Sprachentwicklung beeinflussen?
— Unbedingt. Besonders im frühen Alter. Wenn ein Kind lange vor dem Bildschirm sitzt, erhält das Gehirn ein fertiges Bild und lernt nicht, es selbst zu erstellen. Darüber hinaus erfordert der Bildschirm keinen Dialog. Und Sprache entwickelt sich gerade in der Antwort und Interaktion.
Ich bin kein Befürworter der Dämonisierung von Technologien — wir leben schließlich in einer digitalen Welt. Aber für ein kleines Kind sollte das reale Leben viel lebendiger sein als das virtuelle. Kein Cartoon kann das Spiel mit der Mutter, die Sandkiste, Bücher vor dem Schlafengehen oder das gemeinsame Kochen in der Küche ersetzen.
— Heute versuchen Eltern oft, „ideal“ zu sein. Wie wirkt sich das auf die Kinder aus?
— Sehr stark. Moderne Mütter sind unglaublich erschöpft. Sie versuchen gleichzeitig erfolgreich, schön, bewusst zu sein, alles zu kontrollieren und dabei ein „ideales Kind“ großzuziehen. Kinder spüren das.
In Wirklichkeit braucht das Kind keine perfekte Mutter. Es braucht eine lebendige, ruhige, emotional zugängliche Mutter. Jemanden, bei dem es sich sicher fühlt. Denn das Gefühl von Sicherheit ist das Fundament einer gesunden Psyche.
— Was möchten Sie den Frauen sagen, die dieses Interview lesen?
— Vergleichen Sie Ihr Kind nicht mit anderen. Jedes Gehirn hat sein eigenes Entwicklungstempo. Manchmal ist das Wichtigste, was wir den Kindern geben können, nicht endlose Kurse und Aktivitäten, sondern Kindheit: Bewegung, Spiel, Gespräche, Umarmungen und das Gefühl, dass ein Erwachsener in der Nähe ist, der liebt und akzeptiert.
Und vielleicht das Wichtigste: Ein glückliches Kind ist nicht das, das als erstes lesen kann. Sondern das, das sich geliebt, sicher und lebendig fühlt.
«Moderne Kinder sind anders»: Die Neuropsychologin Alena Istomina in einem exklusiven Interview für Moda Topical darüber, warum man die Entwicklung nicht beschleunigen sollte.
Heute versuchen Eltern, ihren Kindern alles und sofort zu geben: frühes Lesen, Englisch ab drei Jahren, Vorbereitung auf die Schule fast schon von der Wiege an. Aber warum haben immer mehr Kinder mit Angstzuständen, Sprachproblemen und Konzentrationsschwierigkeiten zu kämpfen? Die Neuropsychologin Alena Istomina teilte in einem Interview mit dem Magazin Moda Topical, wie Gadgets das kindliche Gehirn beeinflussen, warum…
